Sind wir grüner, als wir voneinander glauben?
Die Deutschen wollen keine Windräder vor ihrer Haustür? Offenbar glauben sie das vor allem voneinander. Tatsächlich sind 58 Prozent mit neuen Windenergieanlagen im eigenen Wohnumfeld einverstanden. Gefragt, wie hoch sie die Zustimmung ihrer Mitmenschen einschätzen, vermuten sie aber gerade einmal 30 Prozent. Noch schöner: Wo bereits Windräder stehen, steigt die Zustimmung zu weiteren Anlagen sogar auf 67 Prozent.
Das neue Soziale Nachhaltigkeitsbarometer der Transformation 2026 von Bertelsmann Stiftung und RIFS steckt voller solcher Befunde, bei denen es sich lohnt, zweimal hinzuschauen.
Ein paar davon dürften Grüne ausgesprochen zufrieden machen: 54 Prozent wollen trotz angespannter Wirtschaftslage mehr staatliche Ausgaben für Klimaschutz. Zur Finanzierung würden 72 Prozent zuerst klimaschädliche Subventionen streichen, 67 Prozent Spitzenverdienende stärker besteuern und 57 Prozent die Vermögensteuer wieder einführen. Und nur acht Prozent halten es für gerecht, die Kosten des Klimaschutzes einfach gleichmäßig auf alle Haushalte zu verteilen. Drei Viertel wollen klimaneutrale Infrastruktur vielmehr als gesamtgesellschaftliche Aufgabe finanzieren.
Dann kommen allerdings die Zahlen, die uns ärgern sollten: 73 bis 76 Prozent bewerten Transparenz, Beteiligung und die Berücksichtigung ihrer Interessen in der Klimapolitik schlecht. 55 Prozent vertrauen der Bundesregierung nicht darauf, den nachhaltigen Wandel im Interesse der Allgemeinheit zu gestalten. Gleichzeitig wünschen sich 75 Prozent politische Entscheidungen gemeinsam mit Wissenschaft und Forschung.
Und auch die Verkehrswende sieht in der Bevölkerung etwas anders aus als in mancher politischen Debatte. Mehr Rad- und Fußverkehr können sich 37 Prozent vorstellen, ein E-Auto 27 Prozent, mehr ÖPNV 21 Prozent – das eigene Auto ganz abschaffen gerade einmal zwei Prozent. Die Studie bringt es ziemlich nüchtern auf den Punkt: Die gesellschaftlich anschlussfähigste Verkehrswende ist nicht die Abschaffung von Mobilität, sondern bessere und klimafreundlichere Mobilität.
Genau hier wird das Barometer für uns im Oberbergischen konkret. Wer möchte, dass Menschen ihr Mobilitätsverhalten verändern, muss ihnen zuerst echte Möglichkeiten geben. Deshalb kämpfen wir im Kreistag für eine Mobilitätsgarantie, für die Reaktivierung der Wiehltalbahn, für verlässlichen ÖPNV, On-Demand-Angebote, Bürgerbusse und die notwendige Infrastruktur für klimaneutrale Busse. Und bei Wind und Solar zeigt die Studie ebenso deutlich: Beteiligung ist kein lästiger Zusatz. Rund ein Drittel der Gegnerinnen und Gegner lässt sich durch kommunale Wertschöpfung oder echte Mitsprache überzeugen.
Vielleicht steckt darin die wichtigste Botschaft dieser 36 Seiten: Die Mehrheit hat den Klimaschutz nicht aufgegeben. Sie erwartet nur zu Recht, dass Politik ihn besser macht.
Wer wissen möchte, wo wir Grünen bestätigt werden – und wo wir uns durchaus ärgern lassen sollten –, dem sei der vollständige Jahresbericht sehr empfohlen.
Marie
Hier zum DOWNLOAD der Studie.
