B'90/ DIE GRÜNEN Kreisverband Oberberg - Neudieringhauser Str. 2, 51645 Gummersbach

Grüne Frauen Oberberg im Austausch mit Ilayda Bostancıeri, MdL

Was passiert, wenn engagierte Frauen aus dem Oberbergischen am Samstagmorgen zusammen frühstücken? Es wird nicht nur Kaffee getrunken, sondern auch über spannende, feministische Themen diskutiert!

Am 13. Juni 2026 haben wir uns in gemütlicher Runde in Gummersbach getroffen. Mit am Tisch: Die Landtagsabgeordnete İlayda Bostancıeri. Sie ist Sprecherin für Frauen, Gleichstellung und Queerpolitik und hatte jede Menge Input zu aktuellen Themen mitgebracht.

Politische Steuerung statt blinder Flecken: Gender Budgeting im Fokus

Geschlechtergerechte Haushaltsplanung klingt nach trockener Finanzpolitik, betrifft aber im Kern die Frage „echter Verteilungsgerechtigkeit“ – auf Englisch hört es etwas cooler an: „Gender Budgeting“.
Dahinter steckt der Ansatz, Haushaltspläne und öffentliche Gelder nicht länger geschlechtsblind zu verteilen, sondern gezielt als Steuerungselement für Gleichstellung zu nutzen. Eines der Nachhaltigkeitsziele der UN (SDGs = Sustainable Development Goals) ist Geschlechtergerechtigkeit. Ohne Gender Budgeting fehlen die finanziellen Mittel. Dann bleiben politische Zielsetzungen, wie sie etwa in der Gleichstellungsstrategie der Bundesregierung verankert sind, bloße Absichtserklärungen.

Konkret erfordert die Umsetzung ein zweistufiges Vorgehen

Bevor finanzielle Mittel fließen, wird systematisch analysiert, wie sich die geplanten Ausgaben real auf das Leben verschiedener Geschlechtergruppen auswirken. Ein konkretes Beispiel ist das Mobilitätskonzept einer Kommune: da Frauen und Kinder eher öffentliche Verkehrsmittel, Fahrräder oder Fußwege nutzen, profitieren sie logischerweise mehr von Investitionen in diese Bereiche. Wird die Nutzung des Autos durch Sanierung von Straßen oder den Bau von Parkplätzen gefördert, kommt dies eher Männern zugute, die überdurchschnittlich mehr Auto fahren. Diese Verhaltensgruppen unterscheiden sich je nach Kommune und müssen entsprechend analysiert werden, bevor lokal relevante Aussagen getroffen werden können. Erst auf dieser Datengrundlage erfolgt die Annäherung an eine gleichberechtigte Verteilung.

Die größte Hürde in der kommunalen Praxis bleibt der Zugang zu verlässlichen, lokal heruntergebrochenen Daten. Ein wertvolles Werkzeug, das wir in der Runde diskutiert haben, sind die SDG-Indikatoren der Bertelsmann Stiftung, die auch für kleinere Kommunen wichtige Anhaltspunkte liefern.

Und was hat das mit dem Oberbergischen zu tun?

Eine ganze Menge! Schaut man sich als Beispiel Morsbach an, sieht man ein typisch ländliches Problem: Uns gehen die jungen Frauen aus. Während die Männer eher bleiben, zieht es viele Frauen in die Städte.  Neben den Pull-Faktoren in die Städte, gibt es einige Punkte, die das Landleben für viele junge Frauen unattraktiv machen: wenige der Ausbildung adäquate Arbeitsmöglichkeiten, weite und daher zeitraubende und kostspielige Alltagswege, das Fehlen eines „netten Cafés“ oder adäquate Kinderbetreuungsmöglichkeiten.

Wir Grüne setzen uns deshalb auch für den konsequenten Ausbau flexibler Kinderbetreuungsangebote und eine verlässliche, bedarfsorientierte Mobilität abseits des Autos ein, um Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im ländlichen Raum zu erleichtern.

Leseempfehlungen zu dem Thema Geschlechtergerechtigkeit sind:

„Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“ von Caroline Criado-Perez

„Was Männer kosten: Der hohe Preis des Patriarchats“ von Boris von Heesen

„Feminist City: Claiming Space in a Man-made World“ (Deutsch: „Feministische Stadt“) von Leslie Kern

Diese Städte gehen beim Thema Gender Budgeting mit gutem Vorbild voran:

In Münster werden seit 2007 im Rahmen des Projekts „FINANZfairTEILUNG“ die städtischen Finanzen auf Geschlechtergerechtigkeit geprüft.

Die Stadt Wien hat sich durch die Umsetzung von Gender  Budgeting sowohl auf zentraler Ebene als auch Bezirksebene als Best Practice Beispiel im In- und Ausland etabliert.

Gender Budgeting ist seit 2022 Teil der Gender-Mainstreaming-Strategie der Stadt Köln.

Gewaltschutz, Justiz und Kita-Frust: Was uns noch bewegt hat

Nachdem die meisten Brötchen weg waren und die Kaffeekannen noch einmal nachgefüllt wurden, ging es quer durch die aktuellen politischen Debatten, bei denen dringend gehandelt werden muss:

  • Endlich ein Rechtsanspruch: Das neue Gewalthilfegesetz kommt!
    Ab dem 1. Januar 2027 gibt es einen echten Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung bei Gewalt. Dabei geht es um die drei großen Säulen: Infrastruktur, Prävention und Täterarbeit. Die Bedarfsanalyse ist durch, im November 2026 gibt es die ersten harten Zahlen und dann den finalen Fahrplan. Dass das Gesetz überfällig ist, zeigen die Fakten: Eigentlich bräuchten wir in NRW laut Istanbul-Konvention 1.800 Frauenhäuser. Aktuell haben wir gerade einmal 700. Eine riesige Lücke, die wir dringend schließen müssen.
  • Feministische Justizpolitik
    Das Landesgleichstellungsgesetz steht vor einer Novellierung. Für uns ist klar: Unsere Gesetze brauchen dringend ein Update hin zu einer echten feministischen Justizpolitik. Dazu gehört für uns, dass Femizide endlich klar als Mordmerkmal benannt werden und im Sexualstrafrecht konsequent gilt: „Nur Ja heißt Ja“.
  • Die KiBiz-Reform und die Realität in den Kitas
    Beim Thema Kinderbildungsgesetz entstand eine weitere wichtige Diskussion: Sollen wir den Fokus rein auf die maximale formale Qualität der Erzieherinnen legen? Ilayda hat da einen sehr pragmatischen Punkt reingebracht: Was bringt uns die theoretisch beste Qualität, wenn wegen des extremen Fachkräftemangels am Ende Stellen unbesetzt bleiben und den Familien gar nicht geholfen ist? Gerade für die Randzeitenbetreuung brauchen wir machbare Lösungen – die Betreuerinnen sollen natürlich nicht ohne Ausbildung dastehen, aber wir dürfen den Zugang in Zeiten des Mangels auch nicht komplett verbauen. Damit Erzieherinnen nicht unter permanenter Burn-Out-Gefahr arbeiten, sind wir davon überzeugt, dass es ohne deren direkte Einbindung Planungen nicht geht. Es muss durch regelmäßige Evaluierungen sicher gestellt sein, dass die Novelle in der Praxis ankommt und eine echte Unterstützung wird. Das geht nur gemeinsam.

Es war mal wieder ein inspirierendes und informatives Treffen! Vielen Dank an İlayda für den Besuch und an alle Frauen,
die da waren und mitdiskutiert haben!

Eure Sarah Hanuschek

Mehr zu Ilayda findest Du hier:

(Bitte Bild anklicken oder: https://ilayda-bostancieri.de/

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