Die Energiewende ist weiter, als viele glauben.
In Europa kommt fast die Hälfte des Stroms aus erneuerbaren Energien. 2025 wurden in Deutschland rund 56 Prozent von den Erneuerbaren geliefert, die skandinavischen Länder, Österreich, Spanien und Portugal produzieren schon mehr sauberen Strom als wir. Photovoltaik hat die Braunkohle bei der Stromerzeugung überholt. Millionen Dächer produzieren Strom, Millionen Batteriespeicher stabilisieren das System.
Die Frage lautet also nicht mehr, ob die Energiewende funktioniert.
Sondern, wer sie künftig gestaltet.
Eine stille Machtverschiebung
Die Stromproduktion ist heute so dezentral wie nie zuvor. Landwirte, Handwerksbetriebe, mittelständische Unternehmen und private Haushalte sind längst Teil des Energiesystems. Mehr als ein Drittel des erneuerbaren Stroms stammt aus der Landwirtschaft.
Das verändert die politische Landschaft.
Der ländliche Raum ist nicht mehr nur Verbraucher, sondern Produzent. Er trägt zur Versorgungssicherheit bei, spart CO₂ ein und schafft regionale Wertschöpfung.
Doch während die Stromerzeugung dezentral geworden ist, bleibt die Infrastruktur zentral organisiert. Die großen Netzbetreiber verfügen weiterhin über Monopolstrukturen. Netzentgelte sind heute der teuerste Bestandteil des Strompreises, nicht die Erzeugung selbst. Die aktuell geplanten Änderungen für den Netzzugang verstärken dieses Problem und drohen zur Hürde für den weiteren Ausbau von Wind- und Sonnenenergie zu werden.
Hier verläuft die eigentliche Konfliktlinie.
Energiewende vor der eigenen Haustür
Auch im Oberbergischen Kreis wird diese Entwicklung sichtbar.
Entlang der A4 bei Reichshof werden größere Freiflächen-Photovoltaikanlagen geplant und umgesetzt, ebenso in Radevormwald und Marienheide. In Morsbach ist die Planung eines Solarparks als Agri-PV-Modell weit fortgeschritten, bei dem landwirtschaftliche Nutzung und Energieerzeugung kombiniert werden sollen.
Gleichzeitig stehen etliche Windkraftprojekte in den Startlöchern: In Engelskirchen, Lindlar, Hückeswagen, Wipperfürth, Marienheide, Nümbrecht, Morsbach und Waldbröl werden aktuell 25 Windräder geplant oder sind bereits genehmigt. Die Energiewende findet auch in Oberberg statt.
Die AggerEnergie ist an verschiedenen Projekten beteiligt und engagiert sich vor Ort. Auch die Energiegenossenschaft Bergisches Land beteiligt sich am Photovoltaikausbau. Zudem sind der Oberbergische Kreis und viele Kommunen selbst Gesellschafter der AggerEnergie. Damit wird Energiewende auch zu einer Frage kommunaler Verantwortung und regionaler Steuerung.
Die im Kreis tätigen Volksbanken und Sparkassen sind bei der Finanzierung gefragt und aufgerufen, z.B. über einen Fonds die Bürgerinnen und Bürger am Ertrag der Erneuerbaren teilhaben zu lassen. Die Diskussion um lokale Energiegenossenschaften und Bürgerbeteiligungsmodelle gewinnt an Bedeutung. Immer häufiger wird gefragt, wie Bürgerinnen und Bürger nicht nur als Nachbarn von Solar- oder Windprojekten beteiligt sind, sondern Mitinvestoren werden können. Investitionen von Firmen und PPA Modelle werden attraktiv, bei denen der Ökostrom zu günstigen Konditionen direkt in der Industrie genutzt wird.
Damit verschiebt sich die Debatte.
Es geht nicht mehr nur um Akzeptanz, sondern um Teilhabe.
Finanzielle Wirkungen für Bürgerinnen und Bürger
Energiewende ist nicht nur Klimapolitik, sie hat konkrete wirtschaftliche Effekte.
- Wer in Photovoltaik und Speicher investiert, senkt langfristig seine Stromkosten.
- Beteiligungen an Energieprojekten oder Genossenschaften ermöglichen zusätzliche Renditen vor Ort.
- Kommunale Beteiligungen können Gewinne in die Region zurückführen.
- Lokale Projekte schaffen Aufträge für Handwerk und Mittelstand.
- Die Elektrifizierung und Dekarbonisierung von Prozessen senkt die Kosten für CO2-Zertifikate.
- Dynamische Stromtarife in Verbindung mit angepasstem Verbrauch ermöglichen niedrigere Stromkosten.
Die Frage lautet deshalb zunehmend:
Bleibt die Wertschöpfung im Oberbergischen Kreis oder fließt sie an überregionale Investoren ab?
Gleichzeitig stellen sich neue Verteilungsfragen.
Wenn immer mehr Haushalte und Betriebe Eigenstrom erzeugen, muss die Finanzierung der Netze fair organisiert bleiben. Weil in Süddeutschland jahrzehntelang der Ausbau der Windenergie verhindert wurde, müssen jetzt Milliarden in Stromautobahnen von Nord nach Süd investiert werden. Dezentrale Energieerzeugung muss die Devise sein, sonst entstehen neue Ungleichgewichte.
Diese Balance politisch zu gestalten, ist eine der zentralen Aufgaben der kommenden Jahre.
Einordnung in die Nachhaltigkeitsziele (SDGs)
Die hier beschriebenen Entwicklungen sind kein isoliertes energiepolitisches Detail. Sie berühren mehrere zentrale Nachhaltigkeitsziele zugleich:
Es geht um SDG 7 – bezahlbare und saubere Energie, wenn dezentrale Stromerzeugung und faire Netzinfrastruktur über zukünftige Strompreise entscheiden.
WAS SIND SDGs?
Es geht um SDG 9 – Industrie, Innovation und Infrastruktur, wenn Netzausbau, Flexibilitätsmärkte und Systemarchitektur neu gestaltet werden.
Es geht um SDG 11 – nachhaltige Städte und Gemeinden, wenn regionale Wertschöpfung, kommunale Beteiligung und lokale Steuerung gestärkt werden.
Und es geht um SDG 13 – Klimaschutz, weil im Oberbergischen Kreis konkrete Dekarbonisierungsmaßnahmen umgesetzt werden, CO₂-Emissionen sinken, Zertifikatskosten reduziert und fossile Abhängigkeiten systematisch zurückgedrängt werden.
So wird deutlich: Die Energiewende im Oberbergischen Kreis ist keine Symbolpolitik, sondern eine Strukturentscheidung mit ökologischen, wirtschaftlichen und regionalpolitischen Folgen.
Es geht nicht um Ideologie, sondern um Systemdesign
Die Energiewende ist heute weniger eine Klimadebatte als eine Struktur- und Machtfrage.
- Wer kontrolliert die Netze?
- Wer profitiert von Flexibilitätsmärkten?
- Wer trägt Kosten und wer erntet Renditen?
Die Entwicklungen im Oberbergischen Kreis zeigen, dass die Reise nicht allein in Berlin entschieden wird. Sie wird auch hier vor Ort gestaltet.
