Zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys: „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“

 

Es ist nicht auszuschließen, dass die Grünen bald eine Bundeskanzlerin stellen werden. Sie sind aus der jüngeren Politikgeschichte nicht mehr wegzudenken. Ebenso wenig ist Joseph Beuys (1921-1986) aus der jüngeren Kunstgeschichte wegzudenken. Er wäre dieses Jahr 100 Jahre alt geworden.

Kann man sich die Grünen vorstellen ohne Beuys? Ja. Beuys gehörte neben Petra Kelly zwar zu den prominentesten Gründungsmitgliedern. Sein «Aufruf zur Alternative» trug Ende 1978 zur Bildung der frühen Parteiprogramme bei. Er trat im März 1979 in Frankfurt a.M. für das bürgerlich-ökologische Listenbündnis «Sonstige Politische Vereinigung/Die Grünen» für die Europaratswahl an. Er engagierte sich auf Podien, in den Medien und in Fußgängerzonen für den Wahlkampf. Er stellte sein Atelier zur Verfügung, spendete Geld, entwarf ein Motiv für ein Wahlplakat.

Aber die Partei der Grünen wären auch entstanden, wenn Beuys sich aus der Politik herausgehalten hätte. Tatsächlich ließen die Grünen den berühmten Künstler wie eine heiße Kartoffel fallen, als sie 1983 in den Bundestag einzogen. Er hatte, nachdem er keinen vorderen Listenplatz erhalten hatte, 1982 seine Kandidatur für die Bundestagswahl zurückgezogen. Kunst war nie eine Priorität der Grünen – zu stark war sie mit dem Ruch des Elitären behaftet. Und Beuys’ Kritik an der repräsentativen Demokratie war zumindest mit den Zielen der «Realos» in der Partei unvereinbar. Er blieb zwar loyal, verhehlte aber seine Enttäuschung über die Institutionalisierung der Bewegung nicht und meinte Mitte der 1980er Jahre: «Die Grünen sind stinklangweilig geworden.»

Während die Grünen ohne Beuys denkbar sind, ist Beuys, beziehungsweise seine heutige Rezeption, eng mit der Geschichte der Grünen verwoben. Natürlich ist sein Werk kein Ausdruck des Programms der Grünen und keine Folge ihrer Politik. Schließlich war er bei der Gründung der Partei fast 60jährig und hatte den größten Teil seines Werks bereits geschaffen. Aber ohne seine politische Arbeit würde er heute kaum eine derart breite Öffentlichkeit auch jenseits der Kunstwelt interessieren. Dass Beuys mehr ist als Teil des kunsthistorischen Kanons, dass er noch immer polarisiert und zwingt, Partei zu ergreifen, rührt zu einem großen Teil daher, dass er die Grenze zwischen Kunst und Politik in Frage stellte....

... Noch einmal: Die Grünen würde es auch ohne Beuys geben. Aber so, wie seine Kunst als Spiegel der heutigen Kunst fungiert und zeigt, wie die Kunst sein könnte, so könnte sie auch für die Politik ein Anlass sein, noch einmal grundsätzlich auf ihre Möglichkeiten und ihre Potentiale zu reflektieren. Petra Kelly, deren eigener Einfluss bei den Grünen Ende der 1980er Jahre schwand, sagte im Rückblick: «Ich persönlich habe es meiner Partei nie verziehen, dass Joseph Beuys 1983 nicht in den Bundestag einziehen durfte. Sie vermisste den Impuls von Beuys, weil er verdrängte Tatsachen schmerzhaft ins Bewusstsein hob. In ihren Worten: «Daran fehlt es heute sehr – innerhalb der grünen Bewegung und auch innerhalb der gesamtdeutschen Gesellschaft. Ich sehe kaum mehr die Umsetzung künstlerischer in gesellschaftliche Energien für eine erneuerte Demokratie und für eine ökologische, pazifistische Gesellschaft. Für sie war Beuys ein Pionier, der «grüne Vordenker, ehe es uns, Die Grünen, überhaupt organisatorisch gab.

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