07.09.2020

Tülay Durdu im Gespräch mit:

Über Genossenschaften als Unternehmensform für die Grundversorgung im weitesten Sinne informierte sich Tülay Durdu Anfang September in Wipperfürth. Die gemeinsame Landratskandidatin von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke besuchte zunächst den Dorfladen in Thier. Zusammen mit Vertretern des Grünen Orts- und Kreisverbands ließ sie sich Vorstand Anette Niederwipper und den Initiatoren Heike und Günter Baldsiefen die Entstehungsgeschichte und Organisation des 2014 eröffneten Geschäftes erklären. Die Versorgung des ländlichen Raumes sei ein zentrales Thema für die Zukunft, betonte Durdu anschließend. Immer mehr Discounter auf der grünen Wiese könnten nicht das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung sein, und die Nahversorgung auch mit regionalen Produkten sei vorbildhaft für andere Orte im Oberbergischen. Die wichtige Arbeit im Ehrenamt müsse gefördert und unterstützt werden, mit dem Ziel, auch jüngere Bürger*innen zur Mitarbeit zu ermuntern. „Während meiner Wahlkampftour habe ich gemerkt, dass Oberberg ohne Ehrenamtliche aufgeschmissen wäre“, so Durdu.

Im Anschluss ging es in die Marktstraße in der neugestalteten Wipperfürther Fußgängerzone. Dor besuchte Tülay Durdu die Buchhandlung Colibri und den Weltladen. Für den alteingessenen Buchladen suchte die Besitzerin Renate Hochstein lange vergeblich eine Nachfolgelösung. Nun soll auch hier die Genossenschaftsidee eine Lösung für die Fortführung des von vielen lesebegeisterten Menschen geschätzte Fachgeschäft eröffnen. Mit 250 Genossenschaftsanteilen á 300 Euro kann die Gründung der Genossenschaft in Kürze erfolgen. Die langjährige Mitarbeiterin Gisela Osenberg wird den Buchladen weiter führen; Unterstützung wird sie dabei von ihrer (Noch-) Chefin und Mitgliedern der neuen Genossenschaft erhalten.

Einen Tag später stellte dann Sebastian Klein, eng verbunden mit der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) Oberberg, in Engelskirchen vor dem Kaffeehaus „Zinnober“ das Projekt solidarisch wirtschaftender Betriebe vor. Er folgte einer Einladung der GRÜNEN Oberberg – ebenso wie die Landratskandidatin Tülay Durdu und zahlreiche Interessierte aus Engelskirchen und der Umgebung. Aus Produzierenden und Konsumierenden werden „Prosumierende“, erläuterte Klein die Idee der gemeinschaftgestützen Wirtschaft. Mit der Darstellung der theoretischen Grundlagen als auch zahlreichen Praxisbeispielen machte er die relativ neue Wirtschaftsform anschaulich.

In der klassischen liberal bis neoliberal geprägten Wirtschaftsweise sind Konkurrenz und Wettbewerb beherrschend, der Zweck des Wirtschaftens besteht im Erzielen immer höherer Profite. Das scheint uns nach langer Gewöhnung beinahe „natürlich“, führt letztlich aber zu einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft. Vergessen wird dabei allzu leicht, dass der ursprüngliche Zweck der Wirtschaft die Herstellung und der Tausch von Gütern und damit der wechselseitigen Befriedigung von Bedürfnissen diente. Die global und national extrem wachsende Verteilungsungerechtigkeit, die einher geht mit gesellschaftlichem Ausschluss und rücksichtsloser Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen, führte bereits seit längerem zum Nachdenken über Alternativen. Experimente mit Modellen eines solidarischen Wirtschaftens, bei dem an die Stelle der Konkurrenz die Kooperation tritt, führten vor allem in Stadtnähe zur Solidarische Landwirtschaft (SoLAWi), bei der Produzent*innen und Konsument*innen nicht mehr nur im Augenblick des Kaufs zusammenkommen, sondern bei denen der gesamte Prozess „gemeinschaftsgetragen“ (community supported) ist. Alle Beteiligten sitzen immer wieder gemeinsam an einem Tisch und beraten, was und wie produziert wird. Gemeinsam werden faire Löhne und nachhaltige Produktionsweisen vereinbart, Kosten und Risiko werden gemeinsam getragen. Damit ist das solidarische Wirtschaften sowohl ein ökonomisches als auch ein soziales Projekt: Die Solidargemeinschaft sichert das unternehmerisches Risiko ab und verschafft den Produzierenden langfristige Perspektiven und Entlastung vom Druck des Wettbewerbs, gleichzeitig wird die Versorgung der Konsument*innen mit Gütern, an deren Herstellung sie aktiv mitgewirkt haben und deren Wert sie schätzen, gesichert. Dabei wird der Gedanke der Solidarität, des Wertes der Produkte und der in ihnen verkörperten Arbeit, gestärkt und die gesellschaftsspaltende Rollenteilung in anonym Produzierende und bewusstlos Konsumierende aufgehoben. In einem wird die Überflussproduktion, die tonnenweise Lebensmittel im Müll landen lässt und auf den raschen Verschleiß von Gebrauchsgütern setzt, um das Karussell des Konsums und die Spirale des Wachstums sich immer rasender drehen zu lassen, gestoppt.

In der lebhaften Diskussion mit Sebastian Klein ergaben sich sodann zahlreiche kreative Überlegungen zu Projekten, bei denen sich dieses Prinzip des gemeinschaftsgetragenen Wirtschaftens auch auf andere Bereiche – auch in Oberberg – übertragen lässt: ein Gesundheitszentrum oder ein Handwerksbetrieb, Gastronomie oder kulturelle Einrichtungen, Energieversorgung oder stationärer Einzelhandel eignen sich hervorragend für diese nachhaltige und zukunftsträchtige Art des Wirtschaftens, die nicht nur gemeinschaftsgetragen, sondern auch gemeinschaftsbildend ist.

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